Blog #1

Careleaver:innen: Die Geschichten der Vielen

Im Juli 2021 fand das erste Careleaver Sommerfestival der Brückensteine statt. Das Festival war ein Ort der Begegnung und des Austauschs mit Careleaver:innen, die aus ganz Deutschland anreisten, um gemeinsam eine schöne Zeit zu haben und sich damit auseinander zu setzen wie man die Situation von Careleaver:innen verbessern kann. In drei Workshops zu den Themen «Digitalisierung von Leaving Care», «Internationale Careleaver Konvention von 2020 – 2022» sowie zur Entwicklung von Fragen und Forderungen an die Politik wurde sich ausgetauscht und gemeinsam Lösungsansätze entwickelt. Von den vier Tagen bleiben uns wichtige Eindrücke und gesammelte Erfahrungen. Diese wollen wir in Form eines Blogbeitrages mit euch teilen.

Beitrag von Helena Knorr

„Berlin, Berlin – wir fahren nach Berlin!“. Auf dem Weg zum Careleaver:innen Sommerfestival der Brückensteine breitet sich Vorfreude aus. In der Brückensteine Instagram Story ploppen Fotos aus Zügen, Bussen und U-Bahnen von lauter jungen Menschen aus vielen Ecken Deutschlands auf - mit Lesestoff und Proviant im Gepäck. Einige sind in Gruppen unterwegs, wie die 7 jungen Leute aus dem House of Dreams in Dresden, andere ganz allein. Zum Festival sind Careleaver:innen eingeladen, die sich im Brückensteine Verbund engagieren. Sie haben das Programm über Instagram kennengelernt und bei der Kampagne #mehralscareleaver mitgewirkt, sind bei Beteiligungs-Workshops und Projekten dabei, oder engagieren sich bei einer Anlaufstelle aus dem Verbund, wie dem Careleaverzentrum Thüringen. Das Sommerfestival ist ein Dankeschön, eine lang ersehnte Möglichkeit nach eineinhalb Jahren Pandemie uns alle – die sich digital schon oft gesehen haben - endlich persönlich kennen zu lernen und eine große Chance, gemeinsam für alle Careleaver:innen einzutreten.

Am ersten Tag des Festivals ist allen die Freude und Spannung auf das, was folgt, ins Gesicht geschrieben. Freude über eine bereits dazugewonnene Reise – und Spannung, weil einige das erste Mal in Berlin oder allein unterwegs in eine andere Stadt waren. Spannung darauf, andere Careleaver:innen zu treffen, die sich auch engagieren, damit es zukünftige Careleaver:innen Generationen leichter haben und Freude, vier Tage eine gute Zeit zu haben, mit viel Austausch, kreativen Workshops, Kanu fahren, Lagerfeuer, Bands und kalten Getränken.

 

Schon in den ersten Stunden des Festivals, als nach und nach die grüne Wiese von Careleaver Weltweit auf dem Gelände der Kreuzberger Kinderstiftung mit Leben gefüllt wird, ist klar – das Careleaver:innen Sommerfestival wird eine intensive Erfahrung für alle Beteiligten.
Zum Kennenlernen gehört es für die meisten hier dazu, die eigene Geschichte zu teilen, in der auch Erfahrungen mit der Jugendhilfe ihren Platz haben. Aber das ist hier kein Outing. Es fühlt sich anders an. Es ist ein ins Gespräch kommen, ein sich annähern und über Details austauschen, ein Abgleichen, nicht bewerten und gegenseitiges Verstehen auf gemeinsamer Basis. Jede und jeder* hat andere Erfahrungen gemacht und keine Geschichte gleicht der anderen. Dennoch gibt es hier die Chance tiefer zu gehen, die kleinen Feinheiten und großen Fragen an die Vergangenheit in der Jugendhilfe und über die selbst erbaute Zukunft mit anderen Careleaver:innen zu verhandeln.

Die jungen Menschen, die ich an einem langen Holztisch, zusammengemummelt, sich vor dem Regen unter einem Zelt schützend, kennenlerne, bringen eine enorme Kraft mit. Das ist eine Kraft, die im Erzählen zwischen den Zeilen liegt und unerschütterlich ruft: „Ich lebe.“ Sie erzählen von Erfahrungen mit ihren Herkunftsfamilien, die ihnen teilweise unbekannt sind, sie erzählen von wundervollen Pflegeeltern, die immer für sie da waren, sowie von den ständigen Wechseln zwischen Einrichtungen, die ihr Ur-Vertrauen erschüttert haben.

„Es gibt nicht „die eine Geschichte“. Es gibt hunderttausende und keine gleicht der anderen.“

„Es sind Geschichten von jungen Menschen, die manchmal sehr fern wirken, wie aus einer anderen Welt und nicht von nebenan. Und doch sind sie es. Es sind Careleaver: innen-Geschichten von nebenan.“

Die jungen Menschen, die ich an einem langen Holztisch, zusammengemummelt, sich vor dem Regen unter einem Zelt schützend, kennenlerne, bringen eine enorme Kraft mit. Das ist eine Kraft, die im Erzählen zwischen den Zeilen liegt und unerschütterlich ruft: „Ich lebe.“ Sie erzählen von Erfahrungen mit ihren Herkunftsfamilien, die ihnen teilweise unbekannt sind, sie erzählen von wundervollen Pflegeeltern, die immer für sie da waren, sowie von den ständigen Wechseln zwischen Einrichtungen, die ihr Ur-Vertrauen erschüttert haben.

Sie berichten von Betreuer:innen, die sie für ihr Leben lang ins Herz geschlossen haben und überforderten Fachkräften, denen sie nicht auch noch zur Last fallen wollten. Sie erzählen von Schuld, denn ihnen wurde gesagt, sie kosten zu viel und erinnern sich gegenseitig daran, dass diese Schuld nicht zu ihnen gehört, sondern im Gegenteil „ein Recht auf ein Zuhause“. [HK1] 
Mir wird klar, erst die Geschichten der Vielen geben einen Eindruck von den Bedingungen unter denen Careleaver:innen ins eigenständige Leben starten. Es gibt nicht „die eine Geschichte“. Es gibt hunderttausende und keine gleicht der anderen. Aber sie alle eint, dass diese jungen Menschen ohne eigenes Verschulden, Brüche hinnehmen, beharrlich als Kinder familiäre Probleme überwinden und bürokratische Stapel bearbeiten mussten, bis sie früher als die meisten jungen Leute, bereits mit dem 18. Geburtstag und dem klassischen „Rauswurf aus der Jugendhilfe“, auf eigenen Beinen stehen mussten.
Die jungen Menschen, die ich am ersten Tag und in der ersten Stunde, umhüllt von meinem Regencape, treffe, sind zwischen 17 und 22 Jahre alt. Einige machen gerade eine Ausbildung, andere gehen zur Schule, wieder andere wollen studieren oder sind mittendrin und alle leben mittlerweile eigenständig, in ihren eigenen Wohnungen, haben die Jugendhilfe hinter sich gelassen, sorgen für sich selbst und strahlen diese unbändige Kraft und ein großes Stück Lebenserfahrung aus. Ich könnte ihnen stundenlang zuhören. Es fühlt sich in etwa so an, wie auf einer Veranda zu sitzen und sehr alten Menschen beim Erzählen ihrer unglaublichen Lebensgeschichte(n) zuzuhören. Nur, dass die Erzähler:innen hier zwischen 17 und 22 Jahren alt sind. Sie sind gerade „erwachsen“ im juristischen Sinne, aber auch immer noch sehr jung. Es sind Geschichten von jungen Menschen, die manchmal sehr fern wirken, wie aus einer anderen Welt und nicht von nebenan. Und doch sind sie es. Es sind Careleaver: innen-Geschichten von nebenan.

 

 


Am Samstag geht es darum, in mehreren Workshops die Geschichten der Vielen und die vielen Geschichten zusammenzutragen und aus ihren Erfahrungen zu lernen. In einem sogenannten Design Thinking Workshop entwickelt eine Gruppe Prototypen, um die digitale Teilhabe von Careleaver:innen zu erhöhen: Es werden Forderungen an die Politik erarbeitet und die Internationale Careleaver Declaration wird auf Deutschland angewendet.

In den Workshop-Arealen wird es hitzig und das liegt nicht nur an der Sonne, die am Samstag für sommerliche Feelings sorgt: Es ist herausfordernd und kann auch sehr kräftezehrend sein, private Erfahrungen in einen politischen Kontext zu überführen. Persönliche Erlebnisse zu erinnern und sie im Strukturellen zu verorten heißt auch immer, sich in einen tiefen inneren Prozess zu begeben. Ein Prozess des Perspektivwechsels, der neuen Verankerung von persönlichen Erfahrungen im Raum der gesellschaftlichen Bedingungen. Oft erkennen wir durch solche Prozesse, dass es nicht wir selbst waren, die versagt haben, sondern die Strukturen.

Und so war es nicht die Schuld einer Careleaverin, nicht zu wissen, dass man Strom in der ersten und neuen Wohnung „dazu buchen“ muss, weil er nicht einfach immer aus der Steckdose kommt. Es war nicht ihr Versagen, neben dem Amts-, Vertrags-, und Umbruchsstress mit 17 Jahren darüber nicht informiert zu sein, sondern es fehlte an einer guten Vorbereitung und Begleitung bis zu dem Moment, in dem sie wirklich in ihrem neuen zu Hause angekommen ist. Es braucht mindestens eine Checkliste und eine Person, die hier unterstützt und bei diesem ersten Mal einen wachen und beschützenden Blick auf die notwendigen Schritte legt. Und es ist auch nicht das Versagen von einem anderen Careleaver, der in seiner Wohnung gerade nur mit einem Herd, einem Bett und einem Tisch ausgestattet ist, dass er Schwierigkeiten hat, sich dort selbstständig und wohlzufühlen, sondern die unzureichende Grundausstattung, die gewährleisten müsste, dass eine erste eigene Wohnung zu einem „zu Hause“ werden kann. Eine Herdplatte reicht eben nicht. „Ein zu Hause kostet mehr als 750 Euro.“
Für Careleaver:innen sind die Strukturen oft eng und beschränkend. Es gibt weniger Raum zu scheitern.  Zu einem Großteil, weil die finanzielle Lage von Careleaver:innen gerade im Übergang in so hohem Maße unzureichend ist, dass existenzielle Sorgen oft jeden Raum für mutige Versuche und die zugehörige Option zu scheitern nehmen. Aber auch weil Jugendämter und das Fachpersonal der Jugendhilfe Erfolge sehen wollen und müssen. Da bleibt schon in der Jugendhilfe wenig Raum für große Schritte mit Risiko

„Für Careleaver:innen sind die Strukturen oft eng und beschränkend. Es gibt weniger Raum zu scheitern. (...) Gerade am Übergang aus der Jugendhilfe nehmen existenzielle Sorgen oft jeden Raum für mutige Versuche und die zugehörige Option zu scheitern.“

Viele Carereceiver:innen erhalten Ratschläge für Lebens- und Bildungsentscheidungen, die von kurzfristigem Denken und der schnellen Sicherheit auf niedrigem Niveau geprägt sind. In einem Workshop berichtet eine Careleaverin, sie hat in Absprache mit ihrem Jugendamt und ihren Pflegeeltern auf das Abitur verzichtet, weil abzusehen war, dass das Abitur zu finanziellen Engpässen bei einem Auszug mit 18 führt. Sie selbst hätte gerne das Abitur gemacht. Eine andere Careleaverin hat auf ein angesehenes Praktikum in einer renommierten Kultureinrichtung, das Voraussetzung für ein Studium war, verzichten müssen, obwohl sie angenommen wurde. Es war in einer anderen Stadt im selben Bundesland, aber das Jugendamt lehnte es ab, mit der Begründung, die Fahrten für Check-Besuche wären nicht abrechenbar. Das ist das Gegenteil von einer Förderung zur Selbstbestimmung und Teilhabe, das Gegenteil von mutigen Entscheidungen und Potenzialförderung. Das Ergebnis im Großen ist, dass nur ein Bruchteil der Careleaver:innen in Deutschland studiert. Ein Großteil bleibt unter ihrem Bildungspotenzial mit Auswirkungen auf ihr gesamtes noch bevorstehendes Leben.
In dem Moment, in dem Careleaver:innen ihre privaten, vereinzelten Geschichten und Erfahrungen teilen und sie in den strukturellen Kontext einbetten, sie als Teil der Strukturen begreifen, können wir anhand der vielen persönlichen Geschichten gesellschaftliche Defizite aufdecken. Wir können sie zu dem machen, was sie sind: ein Politikum, das alle etwas angeht. Und genau darin liegt eine große Chance.
In den Workshops wurden sehr viele Forderungen erarbeitet. Ein paar davon möchte ich zum Abschluss hier vorstellen: Careleaver:innen sind jung, wenn die Jugendhilfe zum 18. Geburtstag endet. Und sie sind nicht besonders, wenn sie in dieser Zeit ein Sicherheitsnetz und Unterstützung bei wichtigen Entscheidungen und Lebensfragen brauchen und wollen. Ein wichtiger Anker, der die Leerstelle zwischen der Jugendhilfe und der realistisch zumutbaren Selbstständigkeit von sehr jungen Menschen auffangen kann, sind Anlaufstellen für Careleaver, wie das House of Dreams in Dresden oder das Careleaver* Kollektiv Leipzig. Es sollte sie in allen Regionen Deutschlands geben, denn sie leisten, was der Staat noch nicht als allgemein notwendig anerkennt und fördert und gehen damit ein gesellschaftliches Defizit an.
Weiterhin ist es unerlässlich, dass Careleaver:innen eine finanzielle Absicherung bis zum Ende der Ausbildung erhalten, um ohne existenzielle Not die Weichen für ihr gesamtes folgendes Leben stellen zu können. Das Bild der Vielen zeigt, dass viele Careleaver:innen, nicht die Chance bekommen, ihr Potenzial zu leben. Im Gegenteil: Ihre Geschichten zeigen Strukturen auf, die hinderlich sind, um im eigenen Leben und bei eigenen Zielen anzukommen und in der Gesellschaft ihren Platz zu finden. Daran wollen wir mit dem Brückensteine Careleaver Verbund etwas ändern. Darum sind solche Treffen wichtig.

Die Erfahrungen der vielen engagierten Careleaver:innen, die beim Brückensteine Sommerfestival dabei waren, gehören nur ihnen. Mit Mut zur Verletzlichkeit und großem persönlichen Einsatz haben sie einige davon geteilt, sich wiedererkannt, Strukturen gefunden. In dem großen Bild, das daraus entstanden ist, wird ganz deutlich: Es gibt noch viel zu tun, um für Careleaver:innen gleichwertige Startchancen ins eigenständige Leben, gleichwertige Teilhabechancen, gleichwertige Anerkennung ihrer Leistungen und Förderung von Potenzial zu ermöglichen, wie für andere junge Menschen. Dafür haben wir uns auf den Weg gemacht.
Es ist nicht ein Prozess, es sind viele und es ist der Prozess der Vielen für den es Sensibilität und Mut genauso braucht, wie ein solidarisches Miteinander aller Unterstützer:innen. Von Careleaver:innen, die selbst Fachkräfte geworden sind, von sozialpädagogischen Begleiter:innen, die mit offenen Augen und Ohren zuhören und sehen, von sozialen Initiativen, Vereinen und Menschen, die ihre Hilfe ehrenamtlich anbieten können.
Und es ist wichtig, Räume zu schaffen, in denen Careleaver:innen sich miteinander in den Austausch begeben, ihre Geschichten teilen, neue Perspektiven auf das Erlebte finden und zu einem Bild der Vielen machen können, damit sich jetzt und für die zukünftigen Generationen der Careleaver:innen etwas ändert.

 

Helena Knorr ist Projektmanagerin bei der Social Impact gGmbH und entwickelt federführend das erste Engagementprogramm für Careleaver – AWAKE. Mehr dazu unter: https://www.brueckensteine.de/projekte/awake-brueckensteine-fellowship