Christin Adler:

»Corona hat uns dazwischengefunkt.
Aber wir nehmen die Herausforderung an und machen das Beste draus!«

Caroline Liebau ist seit 2007 bei der Jugendberufshilfe Thüringen e.V.  tätig und nun Projektleiterin des Projekts Übergangscoaching für Careleaver im Kyffhäuserkreis. Seit November 2019 ist auch Christin Adler, die bereits vorher im Bereich der stationären Jugendhilfe gearbeitet hat, mit dabei. In diesem Interview erzählen die beiden wie sich die Zusammenarbeit mit dem Landkreis Kyffhäuserkreis gestaltet, wie sie durch Corona verursachte Herausforderungen im Arbeitsalltag meistern und was sie sich für die Zukunft wünschen.

Hallo Caroline und Christin! Wie bist du, Caroline, auf das Thema Leaving Care aufmerksam geworden und wie kamst du zum Projekt Übergangscoaching Kyffhäuserkreis?

Caroline: Ich habe bei der Jugendberufshilfe Thüringen immer auch Projekte insbesondere für benachteiligte Zielgruppen begleitet ­– vor allem Jugendliche und junge Erwachsene. Und da hatten wir oft Berührungspunkte mit Menschen, die Erfahrungen mit stationärer Heimerziehung oder Pflegefamilien hatten und konnten sehen, in was für prekären Lebenssituationen sie mitunter am Übergang ins Erwachsenen- oder Berufsleben stehen. Aber Careleaver waren nie die Hauptzielgruppe, sondern wurden in den Projekten eben mit betreut. 2018 ist dann unser Jugend- und Sozialamt hier im Kyffhäuserkreis, das schon in Kontakt mit der DROSOS STIFTUNG stand, an uns herangetreten und hat uns gefragt, ob wir uns vorstellen können, ein Modellprojekt im Landkreis durchzuführen, das speziell diese Zielgruppe unterstützt, denn auch das Jugendamt hatte festgestellt, dass Careleaver besonders große Herausforderungen erwarten: sie haben nicht den unterstützenden Background ihrer Herkunftsfamilie und auch die finanzielle Situation ist häufig wesentlich schwieriger. Unser Jugendamt und die DROSOS STIFTUNG wollten mit uns herausfinden: was brauchen diese jungen Menschen am Übergang? So haben wir zusammen ein Projekt entwickelt und das setzen wir mit dem Übergangscoaching seit April 2019 um.

 

Und was macht dir, Christin, an deinem Job im Alltag am meisten Spaß?

Christin: Ich war vorher in einem anderen Projekt tätig, das sozial schwache Familien unterstützt hat, und im Rahmen meines Praxissemesters während des Studiums habe ich schon in der stationären Jugendhilfe gearbeitet. Das war ein Bereich, der mich einfach nicht mehr losgelassen hat. Deshalb war ich sehr erfreut über die Nachricht, dass es dieses Projekt bei uns im Verein jetzt gibt und ich wieder im Bereich der stationären Jugendhilfe arbeiten kann. Ich finde die einzelnen Geschichten der Jugendlichen und die Arbeit mit ihnen einfach total interessant, weil ich heute nicht weiß, was mich morgen erwartet und gerade das macht es so spannend.

»Wir versuchen den Weg mit den Jugendlichen ein Stück weit gemeinsam zu gehen, ihn ein bisschen für sie zu ebnen und Brücken zu bauen.«
 

Caroline Liebau

Caroline Liebau, Projektleiterin Übergangscoaching für Careleaver im Kyffhäuserkreis am Flipchart

Projektleiterin Caroline Liebau

Erzählt uns doch kurz, was genau ihr macht – wie sieht euer Alltag im Themenfeld Leaving Care aus und wie hat sich das durch Corona jetzt verändert?

Caroline: Unser Kernauftrag ist ja die individuelle Begleitung von Careleavern in allen Lebenslagen durch Beratung, Unterstützung und Coaching auf dem Weg in die Selbstständigkeit. Und das in allen Bereichen, wo Careleaver gegebenenfalls eine Herausforderung erleben könnten: Wohnung, Freizeit, Bildung, Erwerbstätigkeit und soziales Leben. Im Einzelfall gestaltet sich das natürlich ganz unterschiedlich, weil nicht jeder die gleichen Bedarfe mitbringt, aber das ist so das grobe Spektrum. Konkret beraten, informieren und coachen wir die Jugendlichen, begleiten sie zu Ämtern und Behörden, stellen weitere Kontakte, zum Beispiel zu Vermietern, her – versuchen also den Weg mit den Jugendlichen ein Stück weit gemeinsam zu gehen, ihn ein bisschen für sie zu ebnen und Brücken zu bauen.

Christin: Normalerweise fahre ich zu den Jugendlichen hin und mit ihnen gemeinsam zu Terminen oder sie kommen zu uns ins Büro und wir nehmen von hier aus Termine wahr, zum Beispiel Gespräche mit dem Jugendamt. Aber durch Corona ist es im Moment so, dass sehr viel telefonisch passiert, mit den Jugendlichen hauptsächlich über Whatsapp und mit Fachkräften telefonisch. Ich hatte eigentlich jetzt in der Zeit vor, mit einer Jugendlichen einen BAföG-Antrag zu stellen, mit ihr den Weg zu den Eltern zu gehen, den Antrag zusammen auszufüllen…das können wir jetzt alles so nicht machen. Und gestern hatte ich dazu mit dem Erzieher aus der Einrichtung ein Telefonat und wir hatten analog beide den BAföG-Antrag vor uns liegen und haben den so quasi zusammen ausgefüllt. Über die Coronasituation an sich informieren sich die Jugendlichen bei mir nicht wirklich, aber es stellen sich halt so ein paar Probleme heraus: Jobcenter ist für den öffentlichen Verkehr geschlossen, alles muss irgendwie telefonisch passieren, die Jugendlichen erreichen aber häufig die Mitarbeiter nicht oder die Mitarbeiter vom Jugendamt brauchen dringend eine bestimmte Information. Es gibt vieles, was im persönlichen Gespräch meiner Meinung nach besser funktionieren würde, aber wir nehmen die Herausforderung an und machen das Beste draus!
 

Was beobachtet ihr selber im Moment bei Careleavern? Welche Umgangsform finden sie eurer Meinung nach mit der aktuellen Coronasituation?

Christin: Durch den engen Kontakt, telefonisch und auch per Whatsapp, habe ich tatsächlich auch ein wenig Einblick in ihre Emotionen. Sie sind recht negativ gestimmt, weil sie auch die Einrichtungen nicht verlassen dürfen, es kann kein Besuch kommen, die sozialen Kontakte außerhalb der Einrichtung können nicht stattfinden – und das frustriert natürlich. Einer der Jugendlichen hat jetzt darum gekämpft, dass er in seinem landwirtschaftlichen Ausbildungsbetrieb wieder arbeiten gehen darf. Er hatte Erfolg und hat späte Sonderschichten bekommen, jetzt geht es ihm besser. Alleine im Wohnheim fällt den Jugendlichen einfach die Decke auf den Kopf, da spürt man schon die Frustration.

»Im ländlichen Raum können Careleaver nicht einfach sagen: ich setz mich jetzt mal in die Straßen- oder U-Bahn und bin in 10 Minuten da. Das ist eine zusätzliche Herausforderung.«

Caroline Liebau

Wie nehmt ihr die Situation für Careleaver speziell im ländlichen Raum wahr? Könnt ihr Unterschiede zu anderen Regionen oder Brückensteinprojekten feststellen?

Caroline: Unsere Region ist ein sehr lang gestreckter Flächenlandkreis und Infrastruktur und das öffentliche Verkehrsnetz – ich denke, das haben wir mit vielen anderen ländlichen Regionen gemeinsam – sind sehr ausbaufähig. Junge Menschen aus schwierigen Familiensituationen haben ja prinzipiell schon oft Schwierigkeiten, Unterstützung in Form von Beratungs-, Bildungs- oder Freizeitangeboten zu finden und wahrzunehmen. Und im ländlichen Raum kommt die fehlende Infrastruktur erschwerend hinzu, es ist ganz schwierig für sie ohne großen Aufwand bestimmte Einrichtungen überhaupt zu erreichen. Ob zum Jobcenter, zum Jugendamt oder zu Freizeitangeboten: sie können nicht einfach sagen: ich setz mich jetzt mal in die Straßen- oder U-Bahn und bin in 10 Minuten da. Das muss ganz anders geplant werden, häufig können sie nur morgens irgendwohin fahren und abends wieder zurück. Und das ist für sie im Vergleich zu städtischen Regionen natürlich schon eine große zusätzliche Herausforderung.

Christin: Deswegen arbeite ich auch normalerweise tatsächlich zu 70 Prozent aufsuchend: ich fahre selbst in die Jugendeinrichtungen und teilweise auch zu den Jugendlichen nach Hause um mit ihnen Kontakt zu halten. Wenn wir uns zum Beispiel zu Vorbereitungstreffen mit ihnen zusammensetzen wollen, weil wir Workshops oder Seminarreihen planen, dann haben wir es bisher so gehandhabt, dass ich sie eingesammelt und zu einem Ort gebracht habe. Anders ist es auch gar nicht möglich, weil zum einen, wie Caro schon sagte, die Anbindungen einfach so schlecht sind und zum anderen das Personal in den Einrichtungen einfach auch fehlt, die sagen können: wir bringen die Jugendlichen auch zu euch. Das sind zeitliche Ressourcen, die wir so gar nicht haben. Das ist schon sehr schwierig und erfordert sehr viel Planungssicherheit.

Wie kam die Ko-Förderung durch den Landkreis Kyffhäuserkreis zustande und wie funktioniert die Zusammenarbeit ganz konkret?

Caroline: Erst einmal ist das Projekt maßgeblich mit auf Initiative unseres Jugend- und Sozialamts entstanden. Ich glaube, das ist schon eine Besonderheit, dass das Amt in dem Bereich der Regelleistung, die es im SGB 8 gibt, in der Bedarfsgruppe eine Lücke festgestellt und gesagt hat: wir müssen hier was tun, wir müssen schauen wie wir Careleaver besser unterstützen und auf dem Weg in die Selbstständigkeit begleiten können. Wir arbeiten hier im Kyffhäuserkreis als Jugendberufshilfe Thüringen seit mindestens 2002 sehr eng mit den kommunalen Partnern zusammen, so auch mit dem Jugend- und Sozialamt: wir führen die Projekte immer gemeinsam und abgestimmt miteinander durch und gucken, dass sie bedarfsorientiert sind. Wir haben eine hohe Akzeptanz und Wertschätzung füreinander und ich glaube, so eine Basis ist wichtig, damit sie über uns sagen können: wir haben Vertrauen in den Träger und sehen einen Sinn darin, dieses Projekt zu kofinanzieren. Und es geht ja auch darum auszuprobieren, was funktioniert, was wirkt und was die Jugendlichen wirklich brauchen, um das dann kommunal verstetigen zu können. Da ist natürlich so eine Kofinanzierung von Landkreisseite ein großer Vorteil.

Christin Adler, Coachin beim Übergangscoaching Kyffhäuserkreis

Übergangscoach Christin Adler

»Ich weiß heute nie, was mich morgen erwartet und gerade das macht meine Arbeit so spannend!«

Christin Adler

Wie gestaltet sich bei euch die Zusammenarbeit mit den anderen Brückensteinpartnern? Habt ihr regelmäßigen Austausch?

Caroline: Wir haben ja zum einen euch als arkadiko, die sozusagen die Brückensteine zusammenhalten. Das ist schon ein Vorteil, denn ich glaube im Alltagsgeschäft würde das sonst auch untergehen, dass man regelmäßig von sich aus in Kontakt tritt – von daher macht es Sinn so eine Begleitstruktur zu haben, die alles zusammenhält. Zum anderen geht es auch einfach darum, dass man gemeinsam Ziele absteckt, Vorgehensweisen bespricht, Erfahrungen austauscht und Ideen zusammen entwickelt. Und dann gibt’s natürlich auch noch die bilaterale Zusammenarbeit, wo es um punktuelle Projektinhalte geht und wo man voneinander profitieren kann. Wir haben zum Beispiel – das liegt in der Natur der Sache – eine sehr enge Zusammenarbeit mit dem Careleaver-Zentrum Thüringen. Und ansonsten schauen wir schon, dass wir auch fachlich voneinander profitieren können. Da ruft zum Beispiel mal ein anderer Brückensteinpartner bei uns an mit einer speziellen Frage, weil wir eines der Projekte sind, die sehr basisnah und eng angebunden an die Zielgruppe arbeiten und weniger im strategischen Bereich.

Christin: Wir hatten jetzt zum Beispiel auch eine Zusammenarbeit mit der Skatehalle des Urban Souls e.V. in Leipzig geplant und wollten dort einen kleinen Workshop oder ein Projekt an einem geplanten Wochenende veranstalten und dann hat uns Corona dazwischengefunkt. Ich bin sehr traurig, dass das im Moment so nicht klappt, aber wir wollen versuchen, das gegen Ende des Jahres noch einmal in Angriff zu nehmen und mit dem Careleaver*Kollektiv Leipzig zusammenzuarbeiten, gemeinsam ein Wochenende zu gestalten und die Jugendlichen zusammenzuführen um von der Zusammenarbeit für weitere Workshop-Planungen profitieren zu können.

Welche Zukunftspläne habt ihr aktuell für das Projekt? Und was wünscht ihr euch für die Zukunft?

Caroline: Nach unserem ersten Workshopwochenende mit den Careleavern, hat sich am Feedback deutlich gezeigt, dass sie sich freuen, dass es unser Projekt gibt und sie das Gefühl haben, wahrgenommen zu werden. Das ist in den Einrichtungen nicht immer der Fall, was nicht daran liegt, dass die Fachkräfte das nicht wollen – die versuchen sich schon ganz viel auch noch ehrenamtlich um die Zielgruppe zu kümmern – aber sie stoßen einfach an ihre Grenzen, weil personelle und zeitliche Ressourcen für Übergangsbegleitung und Nachbetreuung einfach begrenzt sind. Als wir das Projekt entwickelt haben, hatte ich anfangs ein bisschen Bedenken, wie wir einen Weg finden, die Einrichtungen und die Fachkräfte mit unserem Hilfsangebot anzusprechen. Aber es war dann viel einfacher, als gedacht: die Fachkräfte und auch die Pflegefamilien haben eigentlich so auf uns reagiert, als ob sie schon seit Jahren auf uns warten. Die haben diese Bedarfe bei den Jugendlichen selbst gesehen und hatten an der Stelle wirklich auch Leidensdruck. Ich wünsche mir, dass das Projekt so gut wie es angelaufen ist, auch weiterlaufen wird und wir irgendwann zu dem Punkt kommen, dass wir Erkenntnisse aus der Arbeit mit den Jugendlichen herausgenerieren und Empfehlungen geben können, die berücksichtigt werden. Es soll schließlich nicht darum gehen, irgendwann hundert Projekte zu haben, sondern wir wünschen uns ja, dass sich in den Regelstrukturen für bestimmte Zielgruppen, so auch für die Careleaver, Dinge verändern.

Christin: Ich kann mich Caro da nur anschließen und wünsche mir für das Projekt, dass wir Wegbereiter werden für die anderen Fachkräfte auch mit. Dass wir die Tipps und Erfahrungen, die wir sammeln konnten, weitergeben können für die nächsten Jugendlichen, die ja immer wieder kommen werden. Es wird schließlich immer Menschen aus schwierigen Familienverhältnissen geben, die Unterstützung brauchen und dann sehe ich uns einfach als Wegbereiter dafür, dass manche Lücken geschlossen werden und die Jugendlichen nicht mit ihrem 18. Geburtstag in die Eigenständigkeit geschubst werden, sondern dass das Übergangscoaching an dieser Stelle tiefer wirkt.