Interview

»Für mich ist der Verselbständigungsprozess nicht abgeschlossen, wenn beispielsweise ein Jugendlicher in eine eigene Wohnung zieht, es geht auch darum, dass er danach ein eigenständiges Leben führen kann.«

Christin Juris ist seit November 2019 Integrationsbegleiterin im Projekt „Übergangscoaching für Careleaver im Kyffhäuserkreis“ des Jugendberufshilfe Thüringen e. V. Im Interview gibt sie einen Einblick in die Arbeit mit Careleavern, spricht über Herausforderungen und die Besonderheiten ihrer Arbeit.

Hallo Christin, wie würdest du die Arbeit des Jugendberufshilfe Thüringen e. V. beschreiben?

Unser großes Ziel ist die Optimierung der beruflichen Integration benachteiligter Jugendlicher. Dies geschieht über eine systematische Vernetzung von Angeboten der Kommunen, die Förderung der Leistungsfähigkeit und Angebotsvielfalt freier Träger sowie über Innovationsförderung und Qualitätsentwicklung im Praxisfeld.

Ihr bietet ein Übergangscoaching für Careleaver an, welche Aspekte sind dabei besonders wichtig?

Bei unserem Projekt „Übergangscoaching für Careleaver im Kyffhäuserkreis“ geht es hauptsächlich um die Einzelfallbegleitung, das unterscheidet uns von anderen Projekten. Wir werden nicht erst am Ende der Jugendhilfe aktiv, sondern schon weitaus früher, um den Übergang von der Jugendhilfe zur Eigenständigkeit besser zu begleiten. Besonders wichtig ist uns dabei die Förderung sozialer sowie beruflicher Chancengerechtigkeit. Bei ca. 80 Prozent der von uns begleiteten jungen Menschen geht es in der Beratung um die individuell passende Berufswahl, um geeignete Bildungswege, aber auch um Möglichkeiten der Erwerbstätigkeit, Selbstverwirklichung und finanziellen Unabhängigkeit. Neben der individuellen, sozialen Situation beeinflusst in etwa 70 Prozent der Fälle ein niedriger oder nicht vorhandener Schulabschluss die berufliche Entwicklung. Wir erarbeiten mit den Careleavern unter anderem Bildungsperspektiven, unterstützen den Bewerbungsprozess und schaffen Zugang zu möglichen Unterstützungsangeboten. Hierzu zählt häufig auch die Klärung von Finanzierungsfragen sowie der Zuständigkeit von Leistungsträgern am Übergang oder während der Berufsausbildung.

Eine Besonderheit eurer Arbeit ist die mobile Begleitung, welche Vorteile hat das?

Bei uns im ländlichen Raum bietet die mobile Begleitung sehr viele Vorteile. Durch unsere schlechte Infrastruktur sind zum Beispiel Jugendamt und Jobcenter für die Careleaver nur schwer zu erreichen. Wir sichern die Termine mit den Jugendlichen ab, fahren zum Beispiel gemeinsam zu Vorstellungsgesprächen, Informationstagen an Schulen oder zum Jobcenter. Wir arbeiten vor allem aufsuchend, das heißt, wir besuchen die Jugendlichen in den Einrichtungen, bei den Pflegefamilien zu Hause, in der Schule oder in der Ausbildungsstätte. Wir sind also viel im Landkreis unterwegs. Die Kontakte zu den Jugendlichen erhalten wir über das Jugendamt.

»Wir werden nicht erst am Ende der Jugendhilfe aktiv, sondern schon weitaus früher, um den Übergang von der Jugendhilfe zur Eigenständigkeit besser zu begleiten.«

Auf welche Erfolge könnt ihr zurückblicken?

Wir haben gerade die Halbzeit des Projekts, wir wurden auch schon evaluiert und sind gespannt auf die Ergebnisse. Insgesamt 55 Careleaver haben wir bereits auf ihrem Weg begleitet, dabei gemeinsam kleine und größere Herausforderungen gemeistert. Ein großer Teil der jungen Menschen konnte dadurch persönliche Ziele verwirklichen, hat zum Beispiel den Schulabschluss erreicht, eine Ausbildung begonnen bzw. erfolgreich abgeschlossen oder eine individuelle Perspektive entwickelt. Für mich persönlich sind es aber auch Erfolge, wenn Jugendliche ihre Termine wahrnehmen, wenn sie bei Problemen anrufen oder wenn sie kleine Ziele – wie zum Beispiel eine Wohnungsbesichtigung – angehen. Wenn es also Schritt für Schritt vorwärts geht. Für mich ist der Verselbständigungsprozess aber nicht abgeschlossen, wenn beispielsweise ein Jugendlicher in eine eigene Wohnung zieht, es geht auch darum, dass er danach ein eigenständiges Leben führen kann. Wir bleiben daher in Kontakt und stehen den Jugendlichen jederzeit zur Verfügung.

Mit wem arbeitet ihr zusammen, um eine zielgerichtete Begleitung zu ermöglichen?

Hauptsächlich arbeiten wir mit dem Jugendamt und dem Jobcenter zusammen sowie der Arbeitsagentur, Schulen und freien Trägern.

Welchen Einfluss haben Akteure wie Pflegeeltern, Vormünder oder Betreuer in Wohngruppen auf die Berufsentscheidungen von Careleavern? Seht ihr hier strukturelle Unterschiede bzw. Einflussfaktoren im Vergleich zu Nicht-Careleavern?

Careleaver haben immer einen Nachteil, es steht irgendwo in ihrem Lebenslauf, dass sie im Heim oder bei Pflegeeltern waren. Daher werden die Jugendlichen oft in eine Schublade gesteckt. Alle Akteure haben meiner persönlichen Meinung nach einen großen Einfluss auf den beruflichen Werdegang von Careleavern. Es kommt natürlich darauf an, wie viele Ressourcen alle Beteiligten haben, also wie viel Unterstützung möglich ist. Bei vielen Jugendlichen zusammen in einer Wohngruppe ist das natürlich schwieriger als bei einer einzigen Person, die bei Pflegeeltern lebt.

Welchen Herausforderungen begegnet ihr in eurer Projektarbeit und wie geht ihr damit um?

Herausforderungen sind neben dem ländlichen Raum und der schwierigen Verkehrsanbindung aktuell natürlich die Corona-Situation und die technischen Voraussetzungen, die nötig sind, damit die Jugendlichen an digitalen Angeboten teilnehmen können. Auch BAföG- und Kindergeld-Anträge sind eine Herausforderung, weil es keinen reibungslosen Ablauf gibt. Der Kontakt zum leiblichen Elternhaus ist oft schwierig oder nicht vorhanden, daher ist das Ausfüllen der Anträge häufig mit einem großen Zeitaufwand verbunden. Wir versuchen dann, Kontakte zu den Eltern herzustellen oder aber in Kontakt mit den zuständigen Stellen – wie zum Beispiel dem BAföG-Amt – zu treten, um die Situation zu erklären.

Habt ihr Erfahrungen, wie Unternehmen mit der Lebensrealität von Careleavern umgehen? Machen eure Coaches dort überwiegend positive Erfahrungen oder hört ihr auch von Vorbehalten, Unverständnis oder Wissenslücken?

Man muss schon Unternehmen und das Jobcenter darüber in Kenntnis setzen, dass es diese spezielle Zielgruppe gibt und dass diese auch Herausforderungen mit sich bringt. Auf Unverständnis bin ich aber noch nicht gestoßen, sondern eher auf Neugierde. Viele wissen am Anfang nicht, wer Careleaver sind und was ihre Lebenswelt mit sich bringt. Doch nach einigen tiefergehenden Gesprächen zeigt sich oft das große Herz der Arbeitgeber und die Jugendlichen erhalten viel Unterstützung.
 

Vielen Dank für dieses Gespräch!

"Herausforderungen sind neben dem ländlichen Raum und der schwierigen Verkehrsanbindung aktuell natürlich die Corona-Situation und die technischen Voraussetzungen, die nötig sind, damit die Jugendlichen an digitalen Angeboten teilnehmen können."