Interview

»Ich bin ein selbstbestimmter Mensch. Ich bestimme über mein Leben.«

Celina, 19, ist Careleaverin und wohnt seit Dezember 2020 in ihren eigenen vier Wänden in Hannover. Gerade absolviert sie ein Freiwilliges Soziales Jahr im Krankenhaus und engagiert sich für ältere Menschen. Wenn sie frei hat, macht sie vor allem Musik, und verarbeitet darin ihr Leben. Sie ist kraftvoll, sie liebt sich selbst, sie ist gläubig und glaubt an sich und daran, dass das Leben ein Geschenk ist, das es zu nutzen gilt.

Du hast im Dezember 2020 die Jugendhilfe verlassen. Was gefällt dir daran, eigenständig zu sein?

Ich war 10 Jahre lang in Einrichtungen. Das war gut, aber ich mag es nicht, wenn andere Leute Dinge für mich machen und will auch nicht mehr anmelden müssen, wenn zum Beispiel Freunde zu Besuch kommen. Ich brauche diese Kontrolle auch nicht mehr. Ich bin ein selbstbestimmter Mensch. Ich bestimme über mein Leben. Ich will frei sein. Ich bin 19 Jahre alt, gehe arbeiten, mache alles selbst. Warum soll ich dann noch im Heim leben? Also nicht falsch verstehen, es ist schön im Heim zu sein, aber ich brauche diese Unterstützung jetzt nicht mehr.

Wie kamst du mit der Bürokratie klar, die bei dem Auszug anfällt?

Ich habe viele Freunde und eine Schwester, die schon vor mir aus der Jugendhilfe ausgezogen sind und muss ehrlich sagen: Ich habe aus ihren Fehlern gelernt. Durch die anderen habe ich mitbekommen, was man so alles machen muss und was man auch nicht machen sollte. Ich habe mit ihnen zusammen aus ihren Fehlern gelernt. Und daher war es dann, für mich zumindest, ziemlich easy.

Wenn du jetzt auf dein Leben zurückblickst, worauf bist du besonders stolz?

Stolz bin ich auf jeden Fall auf meine Entwicklung. Ich war nicht immer so ein Mensch, der ich jetzt bin. Ich bin voll der Herzens-Mensch geworden. Ich helfe Anderen. Ich bin auch offener geworden. Eine offene Person. Früher war ich zurückgezogen und schüchtern und habe nie über meine Probleme mit Menschen geredet. Ich dachte, es geht keinen etwas an, es ist mein Leben. Aber warum sollen andere nicht auch was von meinem Leben mitbekommen? Vielleicht können sie auch etwas daraus lernen. Und ich bin einfach stolz darauf, dass ich nicht aufgegeben habe, dass ich noch hier bin auf dieser Welt.

»Träume sind meine Ziele. Ich träume nicht, sondern ich verwirkliche. Für mich bedeuten Träume, dass sie unerreichbar sind. Und das habe ich nicht. Ich habe Ziele.«

Was zeichnet dich deiner Meinung nach aus?

Ich glaube ich habe eine sehr gute Menschenkenntnis. Ich bin sehr einfühlsam und kann Situationen immer aus zwei Perspektiven betrachten. Aus meiner Perspektive und aus der Perspektive der anderen Person. Ich kann Menschen richtig gut verstehen, auch wenn sie nicht meine Meinung haben. Ich verstehe sie trotzdem, weil ich mich in deren Lage versetzen kann. Und das führt dazu, dass ich eigentlich nie wirklich Probleme mit anderen Menschen habe und mit allen gut klarkomme.

Und Musik. Ich mache viel, viel Musik. Ich spiele Gitarre, Klavier, singe, schreibe Songs. Musik ist krass für mich. Musik ist mein Leben. Da packe ich alle meine Gefühle rein und verarbeite die Dinge, die mir passiert sind. Das finde ich sehr gut.

Du machst gerade ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) im Krankenhaus. Was ist deine Motivation und welche Pläne und Träume hast du für die Zeit danach?

Das Ding ist, Träume sind meine Ziele. Also ich träume nicht, sondern ich verwirkliche. Für mich bedeuten Träume, dass sie unerreichbar sind. Und das habe ich nicht. Ich habe Ziele.
Mit dem FSJ kann ich mir ermöglichen später zu studieren. Aber fürs Erste wollte ich auch einfach etwas völlig Neues und anderes erleben. Ich wollte Erfahrungen sammeln. Danach will ich auf jeden Fall studieren: Management in der Sozialen Arbeit. Und dann irgendwann werde ich ein eigenes Heim eröffnen!

»Mein Leben ist dafür da, dass ich was draus mache. Am Ende des Tages muss man einfach aufstehen und weitermachen: von nix kommt nix!«

Was gibt dir die Kraft dafür, an deinen Zielen dranzubleiben und auch in schwierigen Zeiten weiterzumachen?

Also ich bin gläubig, ich gehöre keiner speziellen Religion an, aber ich glaube sehr stark an Gott und ich bin der Meinung, dass Gott jedem Menschen aus einem bestimmten Grund das Leben gegeben hat und nicht, damit man es verschwendet. Wir haben nur eine sehr kurze Zeit zu leben. 100 Jahre vielleicht. Man sollte jeden Tag wie den besten Tag leben, denn es kann immer vorbei sein.

Und wie gesagt, mein Leben ist dafür da, dass ich was draus mache und nicht damit ich es verschwende. Man kann mal traurige Tage haben, das ist klar. Aber am Ende des Tages muss man einfach wieder aufstehen und weitermachen: von nix kommt nix! Wenn du die ganze Zeit nur chillst und traurig bist, da kommt man nicht weiter im Leben. Deswegen einfach aufstehen, weitermachen. Und ich weiß: die Zukunft wird besser!

Woher nimmst du das Vertrauen?

Ich weiß es einfach. Ich finde, wenn man sich selbst liebt, kann man auch alles schaffen. Ich habe sehr krass an mir selbst gearbeitet und angefangen mich auch wirklich krass zu lieben. Nicht so, dass ich mit mir zusammen sein will. (lacht) Sondern einfach Selbstliebe. Das ist sehr, sehr wichtig. Wenn ein Mensch sich selbst liebt, dann geht er auch durch harte Zeiten schnell durch und schafft alles!

Welche Botschaft würdest du anderen jungen Menschen gerne mitgeben?

Man sollte sich auf jeden Fall nicht schämen für das, was oder wer man ist! Und wenn man Hilfe braucht, dann sollte man sich die Hilfe auch holen. Auch psychische Hilfe. Viele Menschen trauen sich nicht zum Psychologen zu gehen. Sie denken, mein Problem ist doch gar nicht so krass. Aber ich sag immer, man sollte sich nicht mit anderen Menschen vergleichen! Wenn jemand einen gebrochenen Arm hat sagt die Person ja auch nicht: »Im Krankenhaus liegt vielleicht jemand, der bald sterben wird. Das ist viel schlimmer als mein gebrochener Arm, deshalb verzichte ich auf meine Behandlung.« Die Person würde sich trotzdem behandeln lassen. Genauso sollte man auch nicht denken: »Ich habe Depressionen, aber es gibt ja auch Menschen, denen geht es schlechter als mir und deswegen muss ich nicht zum Psychologen gehen.«
Nein. Mach dein Ding! Nutze die Hilfe, die du haben kannst.
Wenn du spürst, etwas ist nicht in Ordnung, dann geh zum Psychologen und schäme dich nicht. Man sollte nicht darauf achten, was andere darüber denken. Man muss auf sich selbst achten, sich selbst lieben, mit sich selbst zufrieden sein. Weil am Ende des Tages stirbst du alleine. Deswegen sollte man sein Leben leben, es genießen. Man kann auch mal traurig sein, aber man sollte nicht in der Vergangenheit steckenbleiben.